Autoritäre im Angriffsmodus

Nachdem unser Debattenbeitrag bereits gestern bei bo-alternativ.de veröffentlicht wurde, möchten wir diesen hier spiegeln. Er soll die aggressive und polemische Debattenkuktur in den digitalen Kommentarspalten versachlichen und damit eine Informations- und Entscheidungsgrundlage für Personen liefern, die von den Ereignissen rund um die „Revolutionäre Vorabenddemo“ nur am Rande gehört haben:

Mit der Anmeldung einer Demonstration durch die SDAJ-Bochum als Konkurrenzveranstaltung zu der jährlichen, überregionalen „Revolutionären Vorabenddemo“ in Witten ist offenkundig geworden, was sich bereits zuvor im Kleinen vollzog. Es ist der offensichtliche Spaltungsversuch der großen Vorabenddemo und damit die Fortsetzung der destruktiven Tendenzen mit anderen Mitteln.

Am 4. März veröffentlichen die „Antifa Witten“ und die „Antifaschistische Linke Bochum“ auf Instagram den Aufruf zur „Revolutionären Vorabenddemo“ in Witten. Zuvor war die SDAJ zu Vorbereitungstreffen explizit eingeladen worden und nahm daran teil. Sie hätte Teil der „Revolutionären Vorabenddemo“ sein können, entschied sich jedoch überraschenderweise dagegen und meldete schließlich am 3. April, also ziemlich genau einen Monat später überraschend eine gleichnamige Demo in Bochum an.

Die SDAJ ist ein marxistisch-leninistisch orientierter Jugendverband und betrachtet sich laut eigener Homepage als Jugendorganisation der DKP. Dort steht auch, dass SDAJ-Mitglieder in aller Regel im Erwachsenenalter in die Mutterpartei überwechseln. Die SDAJ strukturiert sich in Orts-, Schul-, Hochschul- oder Betriebsgruppen, Landesverbände und den Bundesverband. Alles zunächst weder überraschend oder besorgniserregend. Problematisch wird es aber da, wo Ideologie dogmatisch und Hierarchie autoritär wirkt. Die MLPD ist für beides ein mustergültiges Beispiel, mit dem viele linke Strukturen ihre Negativerfahrungen machen durften, bevor es einen strukturübergreifenden Ausschluss dieser destruktiven und hochgradig eigennützigen Struktur gab.

Die Differenzen innerhalb der Linken sind nun wirklich nicht neu und verlaufen zwischen autoritären und antiautoritären, zwischen hierarchischen und basisdemokratischen, zwischen partikularistischen und universalistischen Perspektiven. Oft fand man Kompromisse, manchmal eben auch nicht – getreu dem Motto „Leben und leben lassen“. Werte auf die man sich jedoch abgesehen von der obengenannten Ausnahme bislang immer auch übergreifend einigen konnte waren Antifaschismus und Solidarität. Diese friedliche Koexistenz hat die SDAJ nun sukzessive aufgekündigt.

Zum Hintergrund sei gesagt, dass die Organisator*innen der revolutionären Vorabenddemo in Bochum bereits zwei Mal Negativerfahrungen mit autoritär ausgerichteten Gruppen machen mussten, weil diese sich nicht an den Demokonsens hielten, auf den man sich zuvor (auch mit ihnen) verständigt hatte. Dies war 2019 (https://antifabochum.noblogs.org/2019/05/stellungnahme-der-bochumer-antifa-gruppen-zum-sog-roten-block-auf-der-revolutionaeren-vorabenddemo-2019/) und 2024 der Fall (https://antifabochum.noblogs.org/2024/05/statement-zum-ausschluss-eines-blocks/). Zuvor hatte es stets Gespräche gegeben und es bestand der Wille, zumindest an diesem einen Abend das gesamte Spektrum „unter einen Hut“ zu bekommen. Die Größe der Demos, die im letzten Jahr bis auf 2500 Teilnehmende angewachsen war, ist der Beleg, dass ein wirkungs- und ausdrucksstarke Szene-Demo nur bei gegenseitiger Rücksichtnahme und dem zeitweisen Zurückstellen von Partikularinteressen möglich ist. Dafür ist ein Demokonsens notwendig, der eine spektrenübergreifende Teilnahme ermöglicht – denn ansonsten wird die Demonstration zwangsläufig von egozentrischen Selbstdarsteller*innen gekapert und verkommt zwangsläufig zum dreistelligen Szene-Event ohne jedwede Anschlussfähigkeit. Zu diesem Konsens gehört, das Partei- und Nationalfahnen bei dieser Demonstration nicht erwünscht sind. Es geht darum nicht das Spaltende sondern das Gemeinsame zu betonen, also zum Beispiel um Werte und Symbole von Solidarität, Feminismus und Antifaschismus. Jede Struktur kann sich an 364 Tagen im Jahr so inszenieren, wie sie es will und für richtig hält. Diese ideologisch und strategisch begründete Unterschiede dürfen bestehen und existieren zum Großteil des Jahres ohnehin parallel. Doch gerade jetzt, wo die extreme Rechte so stark und organisiert ist, wie nach dem Nationalsozialismus nicht mehr, ist es geboten die Revolutionäre Vorabenddemo im Ruhrgebiet weiterhin als Symbol für einen starken Antifaschismus aufrechtzuerhalten.

Genau dies wird in diesem Jahr durch die Konkurrenzveranstaltung der SDAJ in Bochum planmäßig torpediert. Sie setzt damit ihr destruktives Werk aus 2024 fort, bei dem sie bereits Teil des unkooperativen Blocks war, der die Vorabenddemo mit Ansage störte und schließlich ausgeschlossen werden musste. Dabei wurde die SDAJ trotz dieses Vorfalls erneut zum Planungstreffen für die diesjährige Vorabenddemo eingeladen und kam diesem versöhnlichen Angebot auch nach.  Während die Organisator*innen der Vorabenddemo aus genannten Gründen am bewährten Demokonsens festhielten bestand trotz wortreicher Begründungen der zentrale Dissens darin, dass die SDAJ auf das Präsentieren von Nationalfahnen bestand und davon auch für diesen Abend nicht abrücken wollte. Es scheint für sie an diesem Abend nicht möglich ihre Solidarität anders zu zeigen als mit Nationalfahnen, dabei wäre es doch gerade für eine revolutionäre Vorabenddemo entscheidend eine universelle Kapitalismuskritik zu üben. Nun ist es grundsätzlich legitim eine Abspaltung aufgrund ideologischer oder strategischer Gründe vorzunehmen, die Geschichte der Linken ist voll davon. Dass die Spaltung in diesem Fall ausgerechnet mit dem Beharren auf Nationalfahnen bei einer revolutionären Demonstration begründet wird, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Abgesehen davon geht es bei diesen symbolischen Gesten vielmehr um das befriedigende Gefühl, moralisch gehandelt zu haben. Den notleidenden Menschen in den verschiedensten Ländern der Welt ist damit leider gar nicht geholfen aber immerhin das Gewissen einiger SDAJ-Mitglieder beruhigt. Durch die identische Namensgebung ihrer Demonstration zeigt die SDAJ zudem, dass sie nun, da die Revolutionäre Vorabenddemo nach 10 Jahren von Bochum nach Witten weiterzieht, endlich die Chance hat mithilfe des angeeigneten Demo-Labels und den dadurch mobilisierbaren Demoteilnehmenden ihren Raumkampf in Bochum voranzutreiben. Dieser aggressive Raumkampf der SDAJ geht mittlerweile so weit, dass Plakate für die Revolutionäre Vorabenddemo in Witten abgerissen und provokativ zerschnitten zur eigenen Mobilisierung genutzt werden. Das Überkleben linker Aufkleber durch SDS- oder SDAJ-Aufkleber gehört seit einiger Zeit auch zum Repertoire der immer autoritärer auftretenden Strukturen. Als nächste Stufe bleiben der SDAJ nun nur noch Bedrohungen und körperliche Angriffe gegen Andersdenkende, wie es von anderen autoritär-„linken“ Strukturen wie beispielsweise dem mittlerweile aufgelösten „Jugendwiderstand“ bekannt ist oder aber die Bereitschaft Anzeigen gegen andere Linke zu stellen, wie es die MLPD tat und wie es zuletzt in Dortmund geschah. Diese Akte der Feindseligkeit, die nun in immer deutlicherer Form gegen antifaschistische Strukturen verübt werden, entspringen dem eigenen Dogmatismus, der durch eine geschlossene Denkstruktur gekennzeichnet ist, der für sich selbst die Wahrheit bzw. einzig legitime Position beansprucht. Dogmatisches Denken verlangt oft die Unterwerfung unter eine vorgegebene Autorität und eine klare Freund-Feind-Bestimmung. Denkweisen, die vor allem für den Rechtsextremismus charakteristisch sind, auch wenn die politischen Positionen natürlich anders aussehen. Daher sind auch nicht diejenigen autoritär, die vor diesen Strukturen warnen und eigene Strukturen vor den Angriffen schützen möchten. Wer das tut, unternimmt eine Täter-Opfer-Umkehr und hat offenbar keinen Begriff von politischem Autoritarismus. Die SDAJ sucht also in ihrer übersteigerten Selbstgewissheit die Auseinandersetzung, während die Gegenseite lediglich eine möglichst große, überregionale Revolutionäre Vorabenddemo zum Ziel hat und der Tatsache Rechnung trägt, dass „Politik auf der Tatsache der Pluralität der Menschen beruht“ (Hannah Arendt, 1993). Es geht hier also nicht um einen Konflikt zwischen zwei unversöhnlichen Seiten, sondern um politische Grundhaltungen: die zwischen dogmatischem und differenziertem Denken. Während die SDAJ primär auf Nutzen und Wirkung für die eigene Struktur setzt, versuchen die Organisator*innen der „Revolutionären Vorabenddemo“ der vielfältigen Bewegungslinken ein spektrenübergreifendes, jährliches Stelldichein zu geben.

Natürlich hat die SDAJ das Recht eine eigene Demo parallel zur gemeinsamen Vorabenddemo in Witten anzumelden, aber dann ist das halt nicht nur unsolidarisch mit den antifaschistischen Strukturen der Region, sondern ein bewusster und eigennütziger Spaltungsversuch, der von gezielten Provokation begleitet wird. Sie hat sich aus dogmatischen und autoritären Gründen dafür entschieden, das Trennende zu betonen.

Unabhängige Antifas Bochum (UAB)

 

Wir legen euch zum Abschluss die Thesen der „Basisgruppe Antifa“ zur autoritären Linken ans Herz: https://basisgruppe-antifa.org/wp/2024/07/05/thesen-ueber-die-autoritaere-linke/